Ein­füh­rungAuf­ga­beWir­kun­genWerk­zeu­geQuiz
Die Digi­ta­li­sie­rung in der Bil­dung wird kon­tro­vers dis­ku­tiert. Doch wie ist die Befund­la­ge zum Ler­nen mit digi­ta­len Medi­en? Führt die Digi­ta­li­sie­rung denn tatäch­lich zu bes­se­rem Ler­nen? Die Ant­wort eines Wis­sen­schaft­lers dazu fällt, wie Sie ver­mut­lich erwar­tet haben, dif­fe­ren­ziert aus 😉
Am Ende lau­tet mei­ne Zusam­men­fas­sung: Nicht bes­ser, aber anders!
Micha­el Kerres

Was spricht für oder gegen digitale Medien für das Lehren und Lernen?

In der Pra­xis trifft man auf begeis­ter­te Fans von digi­ta­len Medi­en genau­so wie auf skep­ti­sche Kri­ti­ker. Für die Medi­en­di­dak­tik ist die Fra­ge der Medi­en­nut­zung viel nüch­ter­ner: Was spricht in einem kon­kre­ten Vor­ha­ben für oder gegen den Ein­satz digi­ta­ler Medien?

Zunächst ist fest­zu­hal­ten: “Ler­nen” ist eine in unse­rer Per­sön­lich­keit tief ver­an­ker­te Ver­hal­tens­wei­se. Wenn Men­schen es nicht gewohnt sind, sich allei­ne oder mit Ande­ren über Medi­en Infor­ma­tio­nen anzu­eig­nen und selbsts­än­dig zu ler­nen, wer­den sie dies nur mit einem gewis­sen Auf­wand und Wider­stand tun. Wenn wir ein neu­es digi­ta­les Ange­bot plat­zie­ren wol­len, müs­sen wir also fra­gen, inwie­fern dies mit den Lern­ge­wohn­hei­ten der Ziel­grup­pe über­ein­stimmt. Dabei wäre es ein Feh­ler anzu­neh­men, dass jün­ge­re Men­schen auto­ma­tisch hin­rei­chen­de Erfah­run­gen mit digi­ta­len Medi­en — als Lern­me­di­en — gemacht haben. Auch wenn sie vir­tu­os mit der Bedie­nung der Gerä­te zurecht kom­men, heißt dies kei­nes­wegs, dass sie auch über die ent­spre­chen­de Erfah­rung und Kom­pe­tenz ver­fü­gen, sich mit digi­ta­len Medi­en Wis­sen anzu­ei­ge­nen oder gemein­sam Wis­sen zu erarbeiten.

Wel­che Grün­de gibt es also für den Ein­satz digi­ta­ler Medi­en? In der Pra­xis fin­det man regel­mä­ßig auf pro­ble­ma­ti­sche Annah­men über die Effek­te digi­ta­ler Medi­en. Ange­nom­men wird häu­fig, dass das Ler­nen mit digi­ta­len Medi­en irgend­wie mot­vie­ren­der wäre, zu einem bes­se­ren Lern­er­folg bei­trägt und noch dazu die Kos­ten der Bil­dung sen­ken könn­te. Die­se Fra­gen sind in der medi­en­di­dak­ti­schen For­schung der letz­ten 50 Jah­re inten­siv unter­sucht wor­den. Das Ergeb­nis ist eher ernüch­ternd: Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Ein­satz der Medi­en kei­nes­wegs auto­ma­tisch oder zuver­läs­sig zu moti­vier­te­ren Ler­nen­den, bes­se­ren Lern­er­geb­nis­sen oder kos­ten­güns­ti­ge­ren Ange­bo­ten führt. Im Gegen­teil — sol­che Über­le­gun­gen Annah­men kön­nen die Dis­kus­si­on in eine ungüns­ti­ge Rich­tung führen. 

Es bleibt bis heu­te das Ergeb­nis: Es kommt auf die didak­ti­sche Kon­zep­ti­on an, ob ein digi­ta­les Lern­an­ge­bot einen Nut­zen und Vor­tei­le beim Ler­nen mit sich bringt. Die Moti­va­ti­on der Ler­nen­den kann nur kurz­fris­tig gestei­gert wer­den, bis ein Neu­ig­keits­ef­fekt ver­fliegt. Und die Stei­ge­rung der Effi­zi­enz ist bis heu­te eher sel­ten und nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen zu beob­ach­ten, etwa wenn wir in inter­na­tio­na­len Schu­lun­gen mas­siv Rei­se­kos­ten ein­spa­ren können.

Arbeitsschritte
  • Wel­che Argu­men­te ken­nen Sie, die für oder gegen das “Ler­nen mit digi­ta­len Medi­en” genannt werden?
  • Nach Betrach­ten des Vide­os: Erschei­nen Ihnen jetzt man­che Argu­men­te wei­ter­hin plau­si­bel oder müs­sen man­che Argu­men­te auf dem Hin­ter­grund der empi­ri­schen For­schungs­la­ge als pro­ble­ma­tisch zurück­ge­wie­sen werden?
  • Wel­che Argu­men­te erschei­nen in Ihrem Arbeits­zu­sam­men­hang beson­ders wichtig?

Vortrag
Micha­el Ker­res dis­ku­tiert in dem fol­gen­den Video die For­schung zu Lern­ef­fek­ten digi­ta­ler Medien …

Was Medien mit Lastwagen zu tun haben.

Wel­che Wir­kung hat der Ein­satz von Medi­en auf das Ler­nen? Die­se grund­sätz­li­che Fra­ge hat in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig zu hef­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen geführt. Die Dis­kus­si­on zwi­schen Richard Clark und Robert Koz­ma, bereits in den 1990er Jah­ren, ver­deut­licht das zugrun­de lie­gen­de Pro­blem und die typi­schen Posi­tio­nen, die auch heu­te — mit jeder neu­en Tech­no­lo­gie — auf­kom­men: Was sind die Effek­te digi­ta­ler Medi­en: Ver­än­dern sie das Ler­nen oder han­delt es sich “nur” um Poten­zia­le? Lesen Sie bit­te die Ori­gi­nal­li­te­ra­tur und arbei­ten Sie bei­de Posi­tio­nen her­aus. Sie wer­den dann beant­wor­ten kön­nen, was Last­wa­gen und Medi­en gemein­sam haben (oder nicht). 

Zugang zu den Zeit­schrif­ten der Uni­bi­blio­thek nur mit VPN-Cli­ent!
Positionen
Die Dis­kus­si­on ver­läuft zwi­schen zwei Positionen:
  • Die eine Posi­ti­on geht davon aus, dass Medi­en “an sich” Ver­än­de­run­gen in unse­rem Ver­hal­ten bewir­ken. Hier wäre ins­be­son­de­re auf die medi­en­theo­re­ti­schen Posi­tio­nen im Anschluss an Innis und McLu­han hin­zu­wei­sen, die Medi­en als “Wege” beschrei­ben, die unmit­tel­bar — ob wir es wahr­neh­men wol­len oder nicht — das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben verändern. 
  • Die ande­re Posi­ti­on ver­steht Medi­en “nur” als Trans­por­ter, die für unter­schied­li­che Zwe­cke geeig­net sind: Mit dem Sport­wa­gen wird man kei­nen Umzug orga­ni­sie­ren und mit dem LKW nicht an einem Formel‑1 Ren­nen teil­neh­men wol­len. So gilt es auch, das rich­ti­ge Medi­um für eine bestimm­te Anfor­de­rung zu wäh­len: Für den Aus­tausch in klei­nen Grup­pen wird eine ande­re Tech­nik zu wäh­len sein, als für die Anspra­che an ein gro­ßes Publi­kum. Im Kern ver­weist die­se Posi­ti­on aber auf die trans­por­tier­ten Inhal­te und deren Aufbereitung. 

Die Medi­en­di­dak­tik beschäf­tigt seit Lan­gem die Fra­ge, wodurch eigent­lich «Wir­kun­gen» beim Ler­nen mit Medi­en ent­ste­hen. Dabei ste­hen eine Rei­he von Sicht­wei­ten im Raum, die sich nicht wech­sel­sei­tig ausschliessen:

  • Sind Medi­en (wie «das Buch», «das Fern­se­hen» oder «das Inter­net») nur unter­schied­li­che Trans­por­ter (“mere vehi­cles”), die den Lern­pro­zess nicht beein­flus­sen (Clark 1994)?
  • Ent­schei­det die didak­ti­sche Kon­zep­ti­on eines Medi­ums, das inst­ruc­tio­n­al design, über die Wirk­sam­keit eines medi­en­ge­stütz­ten Lern­an­ge­bo­tes (Koz­ma 1991)?
  • Kommt die Wir­kung durch die Qua­li­tät der Supplan­ta­ti­on zustan­de, wie Salo­mon (1972) es for­mu­lier­te, wonach eine bestimm­te Auf­be­rei­tung von Infor­ma­ti­on — in Rela­ti­on zur kogni­ti­ven Struk­tur des Ler­nen­den — men­ta­le Aneig­nungs­pro­zes­se unterstützt?
  • Wir­ken Medi­en dadurch, dass sie Rou­ten für Kom­mu­ni­ka­ti­on kre­ieren und damit gesell­schaft­li­che Macht­ver­hält­nis­se eta­blie­ren, wie es ursprüng­lich Har­rold Innis auf­zeig­te (vgl. Heyer 2003)?
  • Erzeugt das Medi­um Rea­li­tät durch die Art der Nut­zung (in der eine Gra­ti­fi­ka­ti­on ent­steht, vgl. Lin 1996) und durch Zuschrei­bun­gen der Rezi­pi­en­ten (Schmidt 1996; aber auch: 2003)?
  • Ent­ste­hen Wir­kun­gen durch bestimm­te rhe­to­ri­sche Figu­ren, Begrün­dungs­mus­ter und Meta­phern, in der öffent­li­chen Rede über Medi­en (Ker­res 2003; 2017)?
  • Sind Wir­kun­gen des Medi­ums bereits in das Medi­um und in die Medi­en­wahl ein­ge­schrie­ben: Schreibt das Medi­um an den Inhal­ten mit (vgl. etwa die Dis­kus­si­on in der Lin­gu­is­tik bei Sie­ver, Schlo­bin­ski, und Run­kehl 2009)?
Vortrag
Micha­el Ker­res fragt in dem fol­gen­den Video nach den “Wir­kun­gen” der digi­ta­len Medien …

In dem Design einer For­schung, in der For­mu­lie­rung einer For­schungs­fra­ge ist oft bereits eine bestimm­te Sicht auf digi­ta­le Medi­en für das Ler­nen “ver­steckt”, die in der Anla­ge der For­schungs­ar­beit nicht wei­ter reflek­tiert wird, etwa wenn der Mehr­wert eines Werk­zeu­ges unter­sucht wird. Die­ses Pro­blem lässt sich anschau­lich anhand einer Eva­lua­ti­ons­stu­die von der Uni­ver­si­tät Tübun­gen dis­ku­tie­ren. Micha­el Kerres

Evaluationsstudie zur Schul-Cloud des HPI

Jür­gen Schnei­der (2020): Schul-Cloud in Unter­richt und Schul­all­tag: Mehr­wert und Vor­aus­set­zun­gen. Ergeb­nis­se der bil­dungs­wis­sen­schaft­li­chen Begleit­for­schung der Uni­ver­si­tät Tübin­gen (Back­up)

Die Unter­su­chung berich­tet über den Mehr­wert ver­schie­de­ner digi­ta­ler Werk­zeu­ge einer Lern­platt­form des Has­so-Platt­ner-Insti­tuts in Pots­dam, die mit Mit­teln des BMBF ent­wi­ckelt wur­de. Ähn­lich wie die an Schu­len ver­brei­te­te Open-Source Platt­form Mood­le beinhal­tet die Soft­ware des HPI diver­se Werk­zeu­ge für das Unter­rich­ten. Befragt wur­den Lehr­per­so­nen mit dem Ziel, die Nütz­lich­keit die­ser Werk­zeu­ge zu ver­glei­chen. Der unter­schied­li­che “Mehr­wert” wird dann in fol­gen­den Dia­gram­men dargestellt:
Mehrwert

Aufgabe

Wel­che Vor­stel­lung wird in die­ser Unter­su­chung “impli­zit” über die digi­ta­len Medi­en transportiert? 

aus einer Pres­se­mit­tei­lung (Ach­tung Ironie) 
    Ber­lin. In einer von der Bau­markt­ket­te TOBI beauf­trag­ten Stu­die unter­such­te die Uni­ver­si­tät Neu-Isen­burg, wel­che Werk­zeu­ge Heim­wer­ker als beson­ders nütz­lich bewer­ten. Bei 120 Befrag­ten kam der Ham­mer ganz klar auf den ers­ten Platz. Weni­ger nütz­lich bewer­tet wur­de der Schrau­ben­dre­her. Abge­schla­gen muss­te sich die Säge mit einem letz­ten Platz zufrie­den geben. Der Pres­se­spre­cher von TOBI zeig­te sich zufrie­den mit den Ergeb­nis­sen: “Sie bestä­ti­gen unse­ren Kurs, und lie­fern uns Hin­wei­se, wie wir die Heim­wer­ker in Zukunft noch bes­ser unter­stüt­zen können.”

Thesen: Ihre Einschätzung ist gefragt! 

Das Kapi­tel setzt sich mit den ver­schie­de­nen Grün­den aus­ein­an­der, die im Kon­text der “Digi­ta­li­sie­rung in der Bil­dung” dis­ku­tiert wer­den. Eini­ge Argu­men­te erwei­sen sich auf dem Hin­ter­grund der empi­ri­schen Lehr-Lern­for­schung als eher wenig belegt. Ihre Ein­schät­zung ist gefragt! Es fol­gen 12 The­sen aus einem grö­ße­ren Pool an Aussagen 🙂